Audiovisuell lernen – Gefällt mir!
Soeben ist im Hueber-Verlag das neue DaF-Lehrwerk Gefällt mir! erschienen, das sich speziell an Jugendliche richtet. Das Besondere daran: Von der ersten Lektion an werden Filme eingesetzt. Sie sollen nicht nur das Hör-Seh-Verstehen fördern, sondern die Lernenden durch authentisches Material motivieren und zur Reflexion anregen. Wie das neue Lehrwerk dies umsetzt, darüber haben wir mit Prof. Dr. Marion Grein, Linguistin und Sprachdidaktikerin (DaF/DaZ) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, gesprochen.
Frau Grein, warum gewinnt das Hör-Seh-Verstehen im Fremdsprachenunterricht für Jugendliche an Bedeutung?
Unsere Lebenswelt ist ja allgemein zunehmend medial geprägt. Gerade Jugendliche sind täglich mit audiovisuellen Inhalten konfrontiert. Damit gewinnt natürlich das Hör-Seh-Verstehen (HSV) als sprachdidaktische Kompetenz im Fremd- und Zweitsprachenunterricht stark an Bedeutung.
Didaktische Konzepte, die gezielt audiovisuelle Medien wie YouTube-Videos, TikTok-Clips oder Filme integrieren, sind insbesondere bei Jugendlichen besonders wirksam, weil sie eine lebensweltnahe und emotional ansprechende Lernumgebung schaffen. Die neurodidaktische Forschung belegt sogar, dass solche Formate Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistung steigern können, was eine nachhaltigere Sprachaneignung begünstigt.
Aber im Moment wird ja eher der restriktive Einsatz von Social Media im schulischen Kontext diskutiert. Wie passt das zusammen?
Im Lehrwerk Gefällt mir! geht es nicht um die unreflektierte Übernahme sozialer Medien als Plattformen. Vielmehr werden zentrale Mechanismen und Gestaltungsprinzipien digitaler Kommunikationsformate didaktisch aufgegriffen und für den Sprachunterricht fruchtbar gemacht. Also keinesfalls eine unkritische Reproduktion, sondern bewusste, lernzielorientierte Aneignung medialer Strategien.
Dazu zählen unter anderem kurze, in sich abgeschlossene Video- und Filmsequenzen, die der begrenzten Aufmerksamkeitsspanne Jugendlicher entgegenkommen, sowie der gezielte Einsatz von Musik, Bildern, humorvollen Elementen und visuellen Effekten. Das spricht emotional direkt an und trägt dazu bei, Inhalte nachhaltiger zu verankern als rein textbasierte Formate.
Welche sprachlichen Fähigkeiten können denn durch den Einsatz audiovisueller Medien besonders gefördert werden? Und wie wird das im neuen Hueber-Lehrwerk Gefällt mir! umgesetzt?
Untersuchungen zeigen, dass filmische und videobasierte Inhalte durch die Kombination auditiver und visueller Kanäle besonders effektiv für Wortschatz-, Grammatik- und Hörverstehenslernen sind. In Gefällt mir! nimmt der Film eine zentrale didaktische Funktion ein und bildet den Ausgangspunkt für sprachliche und kommunikative Lernprozesse.
Schon in den Filmen der Starter-Lektion werden sprachliche chunks eingeführt und wiederholt. So entstehen trotz eines begrenzten sprachlichen Umfangs kohärente Erzählungen. Die Lernenden haben von Beginn an Erfolgserlebnisse, und das fördert natürlich Motivation sowie Selbstwirksamkeit, weil Verstehen auch ohne vollständige sprachliche Durchdringung möglich ist.
Das Lehrwerk folgt dem Ansatz des multimodalen Storytellings. Was versteht man darunter und wie wird dieser Ansatz in Gefällt mir! umgesetzt?
Beim multimodalen Storytelling werden audiovisuelle, visuelle und textuelle Elemente systematisch miteinander verzahnt. Lernende begleiten die Figuren nicht nur rezeptiv, sondern werden aktiv in kommunikative und produktive Prozesse eingebunden.
Im Lehrwerk Gefällt mir! sieht das konkret so aus: Die filmischen Sequenzen sind seriell angelegt und entfalten sich wie eine fortlaufende Geschichte. Die vier Schüler:innen Jannis, Emma, Lotte und Tim bilden eine Clique, die in einem gemeinsamen Raum – ihrem Cliquenraum –Inhalte für einen eigenen Kanal entwickelt. Diese narrative Rahmung schafft Identifikationsangebote und verleiht dem Sprachlernen Sinnhaftigkeit.
Ergänzt werden die Filme durch weitere multimodale Zugänge, etwa direkte Ansprachen von Jugendlichen aus unterschiedlichen Ländern oder bildbasierte Aufgabenformate wie Fotos mit Abstimmungs- und Kommentarfunktion, die als authentische Sprechanlässe im Unterricht dienen.
Und wie verbindet das Lehrwerk das Sprachlernen mit der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)?
Die Clique der Protagonist:innen unternimmt vieles gemeinsam; ihr zentrales Projekt ist der gemeinsam betriebene Kanal. Dadurch werden Kooperation, Kommunikation und gemeinsames Handeln nicht nur thematisiert, sondern narrativ erfahrbar gemacht. Außerdem interagieren die Jugendlichen mit einer internationalen Community, wodurch globale Perspektiven, kulturelle Vielfalt und Perspektivwechsel Bestandteil der Handlung werden.
Die Figuren Emma, Tim, Lotte und Jannis gestalten Inhalte kreativ, indem sie zeichnen, Musik machen, Filme drehen und digitale Beiträge produzieren. Auf diese Weise werden Kreativität und Medienkompetenz als handlungsbezogene Kompetenzen sichtbar. Darüber gibt das Storytelling Einblicke in die Gefühlswelten der Protagonist:innen. Emotionen, Beziehungen, Unsicherheiten und Erfolge werden narrativ aufgegriffen und eröffnen den Lernenden Möglichkeiten zur Identifikation, Empathie und emotionalen Perspektivübernahme.
Das Lehrwerk umfasst auch die digitale Erweiterung Film Plus. Wie unterstützt sie das Hör-Seh-Verstehen?
In dieser digitalen Erweiterung werden Aufgaben direkt im Film eingeblendet, sodass Verstehensprozesse während des Sehens gezielt gesteuert und unterstützt werden. Kurze Aufgaben, Entscheidungsfragen oder Impulse zur Fokussierung einzelner Aspekte regen die Lernenden dazu an, ihr Hör-Seh-Verstehen unmittelbar zu überprüfen und ihre Antworten aktiv in den Verlauf der Handlung einzubringen. Film Plus fungiert damit als digitales Zusatzangebot und zugleich als Form der Binnendifferenzierung im Bereich des Hör-Seh-Verstehens.

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© Getty Images / iStock / monkeybusinessimages
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Unsere Autorin
Ariane Suckfüll arbeitet als DaF/DaZ-Dozentin, Journalistin und Prüferin. Als Lehrerin hat sie schon auf allen Niveaustufen unterrichtet. In letzter Zeit war sie vor allem in der Flüchtlingshilfe aktiv. Als Journalistin war sie viele Jahre für verschiedene, auch internationale Fachzeitschriften tätig und oft im Ausland unterwegs. Für den Blog Unterrichtspraxis DaF/DaZ verbindet sie Erfahrungen aus beiden Bereichen.